Berlin Strategy ist ein blog von Stefan Steinicke. Er Analysiert politische, Wirtschaftliche, Technologische und Gesellschaftliche Makrotrends und ihre Auswirkungen auf globale Machtverhältnisse.

Follow the Money

1. Das Bottleneck liegt in der Mine

Kapital verrät oft früher als politische Reden, wo sich Macht verschiebt. Über Jahre schien die Richtung eindeutig. Die Zukunft war digital, leicht, immateriell. Wertschöpfung entstand in Plattformen, Algorithmen und Software. Silicon Valley wurde zur dominanten Metapher wirtschaftlicher Modernität: Wer die besten Codes schrieb, dominierte Märkte. Wachstum entstand aus Daten, nicht aus Stahl. Aus Bits, nicht aus Atomen.

Ein genauerer Blick auf die tektonischen Verschiebungen der globalen Wirtschaft legt nahe: Diese Phase geht nicht zu Ende. Aber sie bekommt eine materielle Grundlage zurück. Im Oktober 2025 kündigte JPMorgan Chase eine Initiative über 1,5 Billionen Dollar zur Förderung von Sicherheit, Resilienz und strategischer Wettbewerbsfähigkeit an. Im Zentrum stehen Sektoren, die gemeinhin als Zukunftsindustrien gelten: Halbleiter, Robotik, NewSpace, Hyperschalltechnologien, Kernenergie, Batteriespeicher, Quantencomputing und Künstliche Intelligenz.

Auf den ersten Blick wirkt diese Liste wie ein Katalog technologischer Zukunft. Auf den zweiten Blick erzählt sie eine andere Geschichte. Denn all diese Industrien teilen eine stille, häufig unterschätzte Gemeinsamkeit: Sie sind auf kritische Rohstoffe angewiesen.

Halbleiter benötigen Gallium und Germanium. Robotik braucht Seltene Erden und Kupfer. In Raumfahrt- und Hyperschallanwendungen spielen Wolfram, Indium, Hafnium und Tantal eine Schlüsselrolle. Kernenergie basiert auf Uran, Batteriespeicher auf Lithium, Nickel, Grafit und Kobalt. Rechenzentren und KI wiederum benötigen enorme Mengen an Kupfer, Permanentmagneten, Spezialmetallen und stabiler Energieversorgung.

Die eigentliche Überraschung liegt nicht darin, dass diese Materialien gebraucht werden. Überraschend ist vielmehr ihre strategische Funktion. Denn ohne materiellen Primärinput funktionieren keine nachgelagerten Wertschöpfungsketten.

Die neue industrielle Ordnung beginnt nicht im Rechenzentrum. Sie beginnt in der Mine. Diese Einsicht verändert unser Verständnis wirtschaftlicher Macht. Denn für einen Großteil der vergangenen drei Jahrzehnte konnten westliche Volkswirtschaften materielle Abhängigkeiten externalisieren. Rohstoffförderung galt als zyklisch, kapitalintensiv, schmutzig und politisch riskant. Wertschöpfung entstand downstream: im Design, in der Software, in Marken und Dienstleistungen.

Heute zeichnet sich eine andere Logik ab. Je stärker die Welt auf Elektrifizierung, künstliche Intelligenz, militärische Modernisierung und industrielle Resilienz setzt, desto zentraler wird die Frage nach den physischen Voraussetzungen dieser Transformation.

Mit anderen Worten: Der Flaschenhals der Zukunft liegt möglicherweise nicht im Algorithmus. Sondern im Zugang zu Atomen. Oder wie Rohstoffunternehmer Robert Friedland es jüngst formulierte: “The old economy is back — and it’s bringing atoms, not just bits.”

Wer verstehen will, wie sich die nächste industrielle Ordnung formiert, sollte daher weniger auf die glänzenden Endprodukte schauen. Sondern stärker auf ihre materiellen Voraussetzungen. Oder einfacher formuliert: Follow the money.

2. Von Bits zu Atomen

Doch wenn das Bottleneck der Zukunft tatsächlich in der Mine liegt, stellt sich eine naheliegende Frage: Warum gerade jetzt? Warum interessieren sich Investoren plötzlich wieder für Rohstoffe, Energieinfrastruktur und industrielle Produktionskapazitäten? Sektoren, die über Jahre hinweg als altmodisch, kapitalintensiv und renditeschwach galten.

Eine erste Antwort lautet: weil die Welt fragmentierter und materialintensiver wird. Eine präzisere Antwort wäre jedoch: Weil sich die politische Ökonomie der Globalisierung verändert.

Die vergangenen drei Jahrzehnte waren durch eine außergewöhnliche historische Konstellation geprägt. Globalisierung senkte Produktionskosten, billige Energie stabilisierte industrielle Wertschöpfung, niedrige Zinsen erleichterten Kapitalallokation und digitale Geschäftsmodelle skalierten nahezu ohne materielle Grenzen. Kapital floss in jene Sektoren, die hohe Margen mit geringem physischem Aufwand versprachen: Software, Plattformen, Finanztechnologie, digitale Dienstleistungen.

Es war die Ära der asset-light economy. Wertschöpfung entstand zunehmend upstream — in Daten, geistigem Eigentum, Softwarearchitekturen und Netzwerkeffekten — während materielle Produktionsrisiken ausgelagert wurden. Wer Gallium förderte, verdiente weniger Aufmerksamkeit als jene Unternehmen, die Chips designten. Wer Kupfer aus dem Boden holte, galt als zyklischer Rohstoffakteur, nicht als strategischer Zukunftswert.

Diese Logik bröckelt. Nicht weil Technologie an Bedeutung verliert. Sondern weil Technologie plötzlich eine materielle Grundlage zurückerhält. Künstliche Intelligenz liefert dafür das eindrücklichste Beispiel. Im öffentlichen Diskurs erscheint KI oft als immaterielles Phänomen. Eine Revolution aus Rechenleistung, Daten und Modellen. Doch hinter der digitalen Oberfläche entsteht eine neue physische Infrastrukturökonomie.

Jedes große Sprachmodell benötigt Rechenzentren. Rechenzentren benötigen Strom. Stromnetze benötigen Kupfer, Transformatoren, Seltene Erden. Die Hardware benötigt Gallium, Germanium, Nickel, Grafit und Spezialmetalle. Kühlungssysteme brauchen Wasser, Energie und industrielle Kapazitäten. Die digitale Zukunft ist überraschend materiell.

Hinzu kommt eine zweite Entwicklung: die geopolitische Fragmentierung der Weltwirtschaft. Die Frage der vergangenen Jahrzehnte lautete: Wo kann am billigsten produziert werden? Die Frage der kommenden Jahrzehnte lautet zunehmend: Wo kann sicher produziert werden?

Lieferketten werden nicht länger ausschließlich nach Effizienz organisiert, sondern nach Resilienz, geopolitischer Verlässlichkeit und strategischer Redundanz. China-Schocks, Exportkontrollen, Sanktionen, geopolitische Konflikte und industriepolitische Programme wie in den USA, China oder Europa markieren einen tieferen Wandel:

Die Welt bewegt sich von Effizienz zu Sicherheit. Von Just-in-Time zu Just-in-Case. Von global optimierten Lieferketten zu geoökonomischen Sicherheitsarchitekturen. In dieser Welt verändern sich auch Kapitalströme. Jeffrey Currie, ehemaliger Rohstoffstratege von Goldman Sachs und einer der prominentesten Stimmen zur neuen Rohstoffökonomie, beschreibt diese Verschiebung als Rotation von bytes to atoms. Die Kernthese dahinter ist klar: Die vergangenen 25 Jahre waren geprägt von Investitionen in digitale, kapitalarme Geschäftsmodelle geprägt. Die nächsten 25 Jahre werden geprägt von massiven Investitionen in physische Infrastruktur.

Nach Schätzungen der International Energy Agency (IEA) werden bis 2040 weltweit zwischen 500 und 600 Milliarden US-Dollar an neuen Investitionen notwendig sein, um die Versorgung mit kritischen Mineralien sicherzustellen. Die entscheidende Einsicht lautet: Es geht nicht mehr nur um technologische Innovation. Es geht um materielle Kapazität. Die Weltwirtschaft betritt womöglich eine neue Phase. Eine, in der nicht nur Code zählt, sondern erneut Beton, Strom, Stahl, Kupfer und seltene Metalle.

Die Rückkehr der Geopolitik erfolgt damit nicht allein über militärische Macht oder diplomatische Konflikte. Sie erfolgt über die Materialbasis wirtschaftlicher Ordnung. Die alte Ökonomie kehrt zurück — allerdings unter neuen Vorzeichen.

3. Follow the Money

Wenn sich die materielle Grundlage der Weltwirtschaft verändert, verändert sich früher oder später auch die Richtung des Kapitals. Die Geschichte wirtschaftlicher Transformationen ist immer auch eine Geschichte von Kapitalrotationen.

Im späten 19. Jahrhundert floss Kapital in Eisenbahnen, Stahl und Elektrifizierung. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland einen Boom in Infrastruktur, Vorstadtentwicklung und industrielle Fertigung. Die vergangenen drei Jahrzehnte wiederum gehörten der Digitalisierung: Software, Internetplattformen, Halbleiterdesign, Cloud-Architekturen und Netzwerkeffekte absorbierten enorme Mengen an Kapital — nicht zuletzt deshalb, weil diese Geschäftsmodelle außergewöhnlich attraktiv erschienen: geringe Grenzkosten, hohe Skalierbarkeit, niedrige Kapitalintensität.

Mining dagegen galt lange als Gegenmodell moderner Kapitalmärkte. Kapitalintensiv. Langfristig. Zyklisch. Regulatorisch schwierig. Politisch riskant. Mit begrenzten Multiples und hoher Volatilität. Kurzum: das Gegenteil von Venture Capital.

Doch genau dieses Verhältnis beginnt sich zu verändern. Denn wenn Knappheit zur strategischen Variable wird, verändert sich auch die Logik von Risiko und Rendite. In den vergangenen Jahren haben sich auffällig viele Investorinnen und Investoren aus der Technologie- und Venture-Capital-Welt öffentlich zu Rohstoffen, Energieinfrastruktur und industriellen Kapazitäten geäußert. Besonders prominent formulierte dies der Tech-Investor Chamath Palihapitiya .

Sein implizites Argument ist bemerkenswert. Gerade weil es aus einer Welt stammt, die jahrzehntelang auf Software fokussiert war. Die These lautet: Wenn die nächste industrielle Welle durch künstliche Intelligenz, Elektrifizierung, Verteidigungstechnologien und industrielle Resilienz geprägt wird, entstehen die attraktivsten Opportunitäten nicht ausschließlich in Anwendungen, sondern in den Engpässen ihrer materiellen Grundlage.

Mit anderen Worten: Nicht nur die nächste KI-Firma könnte attraktiv sein. Sondern jene Unternehmen, die die physischen Voraussetzungen dieser KI-Welt bereitstellen. Die eigentliche Veränderung besteht darin, dass Rohstoffe zunehmend nicht mehr als „Commodities“ betrachtet werden, sondern als Infrastruktur.

Kupfer wird in dieser Logik nicht länger primär als zyklisches Industriemetall verstanden, sondern als Basistechnologie der Elektrifizierung. Seltene Erden werden zu strategischen Komponenten industrieller Systeme. Lithium ist nicht länger nur Batterierohstoff, sondern Teil der geopolitischen Architektur von Mobilität und Energiespeicherung.

Aus Investorensicht entsteht dadurch eine neue Kategorie: Strategische Bottlenecks. Kapital fließt nicht einfach in „Mining“. Es fließt in Knappheiten. In jene Segmente, in denen strukturelle Nachfrage auf schwer skalierbares Angebot trifft. Das erklärt, weshalb Investitionen zunehmend auf spezifische Teile der Wertschöpfungskette zielen:

·      Explorationstechnologien, die Lagerstätten schneller identifizieren sollen

·      Neue Fördertechnologien, die Rohstoffe günstiger erschließen

·      Raffinations- und Verarbeitungskapazitäten außerhalb Chinas

·      Das Recycling kritischer Rohstoffe

·      Neue Materialwissenschaften und industrielle Substitution

·      Energieinfrastruktur und Netzkapazitäten

·      vertikal integrierte Lieferketten für Verteidigungs- und High-Tech-Anwendungen

Die zentrale Logik dahinter ist asymmetrisch. Wenn eine neue Kupfermine durchschnittlich fast zwei Jahrzehnte bis zur Produktion benötigt, während Nachfrage durch KI-Rechenzentren, Elektrifizierung und Verteidigung in wenigen Jahren stark steigt, entsteht ein strukturelles Missverhältnis zwischen Zeit und Bedarf. Investoren beginnen daher, weniger auf kurzfristige Preisbewegungen zu schauen und stärker auf langfristige Knappheitsprämien.

Jeffrey Currie beschreibt diese Dynamik als Übergang von einer Welt finanzieller Assets zu einer Welt physischer Assets. Der Wettbewerb der kommenden Jahre werde nicht allein um Daten, Plattformen und Software geführt, sondern zunehmend um Zugang zu Energie, Metallen, Netzen und Produktionskapazitäten.

Die attraktivsten Opportunitäten entstehen womöglich dort, wo jahrzehntelang niemand hinschauen wollte: In der Mine. Oder präziser: In den Engpässen rund um die Mine.

4. The Mother of All Commodity Supercycles?

Doch wenn Kapital beginnt, Knappheiten neu zu bewerten, stellt sich eine größere Frage: Handelt es sich um eine kurzfristige Reaktion auf geopolitische Spannungen und den Boom künstlicher Intelligenz oder um den Beginn eines tieferen strukturellen Wandels?

Genau hier setzt die These von Daniel Dreyfus an, Chief Investment Officer von Bornite Capital. Seine Diagnose ist provokant, gerade weil sie die vergangenen Jahrzehnte ökonomischer Gewissheiten infrage stellt. Was, so fragt Dreyfus sinngemäß, passiert eigentlich, wenn eine Weltwirtschaft, die 25 Jahre lang Kapital in Software, Plattformen und immaterielle Geschäftsmodelle investierte, plötzlich beginnt, Billionen in physische Infrastruktur, Energie, industrielle Kapazitäten und Rohstoffe umzulenken?

Die Antwort könnte weitreichender sein als ein gewöhnlicher Rohstoffzyklus. Dreyfus spricht von der möglichen Frühphase der „Mother of All Commodity Supercycles“ — eines Investitionszyklus, der weniger von kurzfristigen Preissprüngen als von langfristigen strukturellen Zwängen geprägt wäre.

Der Begriff des Superzyklus ist bewusst groß gewählt. Historisch bezeichnete er Phasen außergewöhnlich langanhaltender Nachfrageimpulse: Industrialisierung, Urbanisierung oder geopolitische Aufrüstung. Doch die heutige Konstellation unterscheidet sich in einem zentralen Punkt. Die Nachfrage steigt nicht nur in einem einzelnen Sektor. Sie steigt gleichzeitig in mehreren strategischen Bereichen.

Künstliche Intelligenz benötigt gigantische Rechenzentren und Stromkapazitäten. Elektrifizierung Transformation erhöht den Bedarf an Kupfer, Transformatoren, Batteriematerialien und Netzinfrastruktur. Verteidigungsausgaben steigen weltweit, während moderne Waffensysteme auf Spezialmetalle und Seltene Erden angewiesen sind. Gleichzeitig erzwingen Dekarbonisierung, industrielle Resilienz und geopolitische Fragmentierung den Aufbau redundanter Produktionskapazitäten.

Mit anderen Worten: Mehrere historische Kräfte wirken gleichzeitig in dieselbe Richtung. Die Folge ist eine Ökonomie wachsender Materialintensität. Besonders deutlich wird dies am Beispiel Kupfer.

Kaum ein Rohstoff symbolisiert den neuen geoökonomischen Moment stärker. Kupfer ist Elektrifizierungsmetall, Infrastrukturmetall und zunehmend KI-Metall zugleich. Rechenzentren, Stromnetze, Verteidigungssysteme, E-Mobilität und industrielle Fertigung benötigen enorme Mengen davon. Gleichzeitig dauert der Aufbau neuer Minen im Schnitt fast zwei Jahrzehnte, und nach Einschätzung der International Energy Agency (IEA) könnten bestehende und angekündigte Projekte bis Mitte der 2030er Jahre nur rund 70 Prozent des erwarteten Bedarfs decken.

Die Knappheit wird strukturell. Und genau hier liegt die eigentliche Pointe von Dreyfus. Es geht nicht primär um steigende Rohstoffpreise. Es geht um Kapitalallokation. Denn wenn die vergangenen Jahrzehnte durch eine außergewöhnliche Konzentration von Kapital in asset-light Geschäftsmodelle geprägt waren, könnte die kommende Phase eine Gegenbewegung hervorbringen: eine Welt, in der Kapital erneut in physische Systeme fließt:

·      In Stromnetze

·      In Energieversorgung

·      In industrielle Kapazitäten

·      In Raffinerien

·      In kritische Rohstoffe

Kurz: In die materielle Basis technologischer Modernität.

Der Rohstoff-Superzyklus wäre in dieser Lesart daher weniger ein Marktphänomen als Ausdruck eines tieferen geoökonomischen Wandels. Eine Rotation von Effizienz zu Resilienz. Von Optimierung zu Sicherheit. Von Bits zu Atomen. Natürlich ist eine solche These nicht unumstritten.

Technologische Effizienzsteigerungen könnten Materialintensität senken. Neue Fördertechnologien könnten das Angebot schneller ausweiten. Hohe Preise stimulieren Substitution, Recycling und Exploration. Auch geopolitische Entspannung oder schwächeres Wachstum könnten Nachfrage dämpfen.

Doch selbst wenn sich die Prognose von Dreyfus nur teilweise bewahrheiten sollte, bleibt eine Einsicht bemerkenswert: Die Bewertungslogik wirtschaftlicher Zukunft beginnt sich zu verschieben. Lange galt technologische Überlegenheit als weitgehend immaterielles Phänomen. Heute erscheint sie zunehmend abhängig von etwas sehr Physischem: dem Zugang zu Energie, Metallen und industrieller Kapazität. Die Zukunft der digitalen Ökonomie könnte materieller werden, als ihre Architekten lange angenommen haben.

5. Wenn Staaten plötzlich wie Investoren handeln

Doch wenn Märkte beginnen, Rohstoffe neu zu bewerten, folgt daraus eine noch größere Frage: Was geschieht, wenn Staaten dieselbe Diagnose stellen? Denn möglicherweise liegt die tiefere Bedeutung der neuen Rohstoffökonomie nicht allein darin, dass Investoren ihre Aufmerksamkeit verändern, sondern darin, dass Regierungen beginnen, industrielle Lieferketten als Frage nationaler Sicherheit zu behandeln.

Die geopolitische Bedeutung dieser Verschiebung lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Rohstoffe werden versicherheitlicht. Über Jahrzehnte dominierte eine liberale Vorstellung wirtschaftlicher Ordnung: Märkte würden Versorgung effizient organisieren, geopolitische Risiken blieben beherrschbar und internationale Arbeitsteilung erhöhe allgemeinen Wohlstand. Kritische Rohstoffe galten primär als Handelsgüter, nicht als strategische Machtressource.

Diese Annahme beginnt zu zerfallen. China kontrolliert heute wesentliche Teile der Weiterverarbeitung kritischer Rohstoffe. Bei Seltenen Erden oder Grafit liegt die Raffinations- und Verarbeitungsdominanz teils bei weit über 80 Prozent. In manchen Wertschöpfungsstufen existieren faktisch geopolitische Monopole.

Die eigentliche Verwundbarkeit liegt dabei häufig nicht in der Mine selbst, sondern in der Verarbeitung. Erz kann global gefördert werden. Doch wenn Raffination, chemische Aufbereitung, Magnetproduktion oder metallurgische Veredelung in wenigen Ländern konzentriert sind, entsteht eine strukturelle strategische Abhängigkeit.

Mit anderen Worten: Das Bottleneck liegt oft nicht im Rohstoff, sondern in seiner industriellen Transformation. Für sicherheitspolitische Entscheidungsträger/innen verändert das die Lage fundamental. Denn moderne Streitkräfte sind zunehmend materialintensiv.

Präzisionsmunition benötigt Wolfram, Tantal und Seltene Erden. Luft- und Raumfahrt basiert auf Titan, Speziallegierungen und Magnetmaterialien. Hyperschalltechnologien benötigen hitzebeständige Metalle wie Hafnium. Kommunikationssysteme, Sensorik und Halbleiter wiederum sind auf Gallium, Germanium und hochverarbeitete Spezialmaterialien angewiesen.

Wer keinen gesicherten Zugang zu kritischen Mineralien besitzt, riskiert langfristig strategische Verwundbarkeit. Genau aus dieser Diagnose heraus entstand innerhalb des US-Verteidigungsministeriums eine bemerkenswerte Initiative, informell häufig als „Deal Team Six“ bezeichnet.

Ihre Logik unterscheidet sich fundamental von klassischer Industriepolitik. Statt ausschließlich zu regulieren oder zu subventionieren, beginnt der Staat selbst aktiv Risiken zu übernehmen — ähnlich einem strategischen Investor. Das Pentagon beteiligt sich direkt an Unternehmen, vergibt Kredite, strukturiert langfristige Abnahmegarantien, stabilisiert Preisrisiken und koordiniert öffentlich-private Finanzierungspakete.

Besonders sichtbar wurde diese Entwicklung beim Rare-Earth-Unternehmen MP Materials. Das US-Verteidigungsministerium investierte hunderte Millionen Dollar direkt in den Aufbau einer amerikanischen Magnet- und Verarbeitungskapazität, flankiert durch milliardenschwere Finanzierungsstrukturen privater Kapitalgeber.

Bemerkenswert daran ist weniger die absolute Summe. Bemerkenswert ist die Logik. Der Staat beginnt, industrielle Engpässe wie strategische Assets zu behandeln. Rohstoffversorgung wird damit zunehmend Teil einer neuen Sicherheitsarchitektur. Die alte geoökonomische Frage lautete: Wer produziert am effizientesten? Die neue lautet: Wer kontrolliert kritische Knotenpunkte industrieller Abhängigkeit?

In dieser Welt verschwimmen die Grenzen zwischen Industriepolitik, Verteidigungsstrategie und Kapitalmarkt. Lieferketten werden versicherheitlicht. Minen werden geopolitisch. Und Versorgungssicherheit wird zur strategischen Investitionskategorie.

Aus dieser Perspektive erscheint die neue Rohstoffökonomie nicht als Rückkehr der Vergangenheit. Sondern als Ausdruck einer neuen Ordnung, in der Macht erneut auf materiellen Grundlagen ruht. Allerdings in einer technologisch hochkomplexen Welt.

Die eigentliche Überraschung lautet daher vielleicht nicht, dass Venture Capital Rohstoffe entdeckt. Die eigentliche Überraschung ist, dass Staaten beginnen, wie Venture Capital zu handeln.

6. Europas geoökonomische Bewährungsprobe

Bis hierhin lässt sich die neue Rohstoffökonomie als analytische Beobachtung beschreiben. Kapital beginnt, physische Engpässe neu zu bewerten. Staaten behandeln Lieferketten zunehmend als Frage nationaler Sicherheit. Technologie wird materieller. Die politische Ökonomie der Globalisierung verschiebt sich.

Doch aus europäischer Perspektive drängt sich eine unbequeme Frage auf: Was passiert, wenn andere Akteure diese Diagnose schneller operationalisieren? Denn der eigentliche geoökonomische Wettbewerb der kommenden Jahrzehnte könnte weniger über Technologie allein entschieden werden, sondern über die Fähigkeit, materielle Grundlagen technologischer Macht zu finanzieren.

Und genau hier liegt Europas strategisches Problem. Die Europäische Union hat die Dimension der Herausforderung durchaus erkannt. Mit dem Critical Raw Materials Act (CRMA) formulierte Brüssel ambitionierte Ziele: Bis 2030 sollen zehn Prozent kritischer Rohstoffe in Europa gefördert, vierzig Prozent verarbeitet und fünfundzwanzig Prozent recycelt werden. Gleichzeitig soll die Abhängigkeit von einzelnen Drittstaaten deutlich sinken.

Auf dem Papier markiert dies eine tiefgreifende Verschiebung. Europa erkennt erstmals explizit: Wirtschaftssicherheit beginnt bei materieller Resilienz. Doch Ambitionen allein schaffen noch keine Kapazitäten.

Was bleibt, ist ein strukturelles Spannungsverhältnis: Die Nachfrage nach kritischen Rohstoffen steigt schneller als die Fähigkeit Europas, entsprechende Produktions- und Verarbeitungskapazitäten aufzubauen. Nach EU-Prognosen könnte sich der Bedarf an Lithium bis 2030 vervielfachen, bei Seltenen Erden steigen die Nachfrage ebenfalls drastisch. Was im CRMA aber fehlt sind entsprechende Finanzinstrumente, die ihren Beitrag leisten, um die oben genannten Ziele auch zu erreichen.

Mit anderen Worten: Europa plant eine industrielle Zukunft, deren materielle Basis bislang nur unzureichend finanziert erscheint. Hier beginnt die eigentliche geoökonomische Frage: Wer finanziert Europas Atome? Die IEA schätzt, dass weltweit bis 2040 zwischen 500 und 600 Milliarden Dollar an zusätzlichen Investitionen in kritische Mineralien notwendig werden könnten. Selbst bei konservativer Betrachtung impliziert dies einen erheblichen europäischen Kapitalbedarf für Förderung, Verarbeitung, Raffination, Recycling, Infrastruktur und industrielle Skalierung.

Gleichzeitig erscheint Europas bisherige Kapitalmobilisierung begrenzt. Zwar existieren in gewissem Maße strategische Rohstoffprojekte, Förderinstrumente und neue industriepolitische Programme. Doch gemessen an der geopolitischen Größenordnung der Herausforderung bleibt der Maßstab bislang überschaubar.

Hier liegt die eigentliche Finanzierungslücke Europas. Nicht allein in absoluten Zahlen. Sondern in politischer Priorisierung. Die USA behandeln kritische Rohstoffe zunehmend als sicherheitsrelevant. Das Pentagon übernimmt Risiken, beteiligt sich direkt an Unternehmen, strukturiert Finanzierungspakete und schafft Nachfragegarantien. Europa dagegen operiert vielfach noch in der Logik kleinteiliger Förderpolitik. Doch geoökonomische Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht aus Strategiepapiere allein. Sie entsteht durch Kapitalallokation.

Gerade deshalb könnte die Debatte um den nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen der Europäischen Union weit bedeutsamer werden, als viele gegenwärtig annehmen. Denn während in Brüssel über Wettbewerbsfähigkeit, Verteidigung, industrielle Resilienz und technologische Souveränität gesprochen wird, bleibt eine fundamentale Frage erstaunlich unterbelichtet: Wie lässt sich die materielle Grundlage dieser Ambitionen finanzieren?

Die Vorschläge zum künftigen europäischen Wettbewerbsfonds markieren dabei eine wichtige Verschiebung. Erstmals rückt stärker in den Fokus, industrielle Kapazitäten, wirtschaftliche Sicherheit und Resilienz strategisch zu fördern — nicht nur Forschung und Innovation. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Doch möglicherweise reicht er nicht aus.

Wenn Europa die geopolitische Sprache des 21. Jahrhunderts ernst nimmt, müsste der nächste Mehrjährige Finanzrahmen stärker von einer einfachen geoökonomischen Einsicht ausgehen: Die Zukunft entsteht nicht nur in Rechenzentren, Laboren und Softwareplattformen. Sie beginnt in Raffinerien. In Netzinfrastruktur. In industriellen Produktionskapazitäten. Und ja: Auch in der Mine.

Die europäische Debatte über Wettbewerbsfähigkeit bleibt bis heute stark auf bytes konzentriert. Auf KI, digitale Souveränität, Forschung, Chips, Plattformen. All das bleibt essenziell. Doch technologische Souveränität ohne materielle Grundlage bleibt prekär.

Ein Kontinent, der keine resilienten Lieferketten für kritische Rohstoffe besitzt, wird Schwierigkeiten haben, industrielle Führerschaft langfristig zu sichern. Die eigentliche strategische Frage lautet deshalb nicht, ob Europa mehr Geld ausgeben sollte, sondern wofür. Wenn die nächste industrielle Ordnung tatsächlich materieller wird, dann müsste der kommende Mehrjährige Finanzrahmen stärker in atoms investieren — nicht statt bytes, sondern ergänzend zu ihnen.

Mehr Kapital für kritische Mineralien. Mehr Kapital für Verarbeitungskapazitäten. Mehr Kapital für industrielle Resilienz. Mehr Kapital für Versorgungssicherheit. Denn möglicherweise entscheidet sich Europas geoökonomische Zukunft an einem Ort, der lange außerhalb strategischer Aufmerksamkeit lag: Nicht im Algorithmus. Sondern im Zugang zu den Atomen, die ihn erst möglich machen.


Die Rückkehr des Chaos: Geopolitik im Jahr 2025